Bericht: Wanderung im Rothaargebirge – mit Horst und Frank – am 29.06.2008
Treffpunkt ist der Bahnhof eines Örtchens im Siegerland. Sehr frühzeitig, bereits eine Stunde vor Abfahrt des Zuges um 11:18 Uhr sind wir, Stephan und ich, am Bahnhof und wir sind nicht die ersten, die ankommen.
Ein kleines Grüppchen hat sich bereits auf den Weg gemacht, um das Dorf zu erkunden. Ein paar andere warten am Bahnhofsgelände. Es ist 10:29 Uhr. Gerade frotzelt jemand, ob Horst heute pünktlich kommt. Derjenige aber scheint unseren Wanderführer noch nicht gut genug zu kennen: Pünktlich um 10:30 Uhr fährt Horst, wie in seinen ausführlichen Vorinformationen zur Wanderung aufgeführt, am Bahnhof vor. Das nenne ich Präzisionsarbeit!
Schnell wächst das kleine Grüppchen am Bahnhofsvorplatz. Auch bei Hunden scheint das Nacktwandern immer beliebter zu werden. Diesmal sind schon zwei dabei. Das ist eine Steigerung um hundert Prozent. Wir sammeln uns um Horst, der jeden Teilnehmer begrüßt und auf seiner Liste abhakt. Sehr schön finde ich, dass er nachfragt, wer neu in der Gruppe ist, und den Neuen noch zusätzliche Tipps zur Wanderung gibt. Stetig wächst deren Anzahl und es ist nett, bei jeder Wanderung ein paar neue Menschen kennen zu lernen.
Auch Frank, unser Ortskundiger, der die Strecke ausgewählt und vorbereitet hat, ist mittlerweile eingetroffen und gibt Infos über die Tour. Wir werden zunächst mit der Bahn ein paar Orte weiterfahren zu unserem Ausgangspunkt. Von dort werden wir dann durch das Rothaargebirge zu diesem Bahnhof zurückwandern. Das erspart uns, pünktlich zu bestimmten Zugfahrzeiten am Ziel ankommen zu müssen. Eine weise Vorplanung, die heute ihren Nutzen haben wird.
Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen, heute Abend ist Fußball angesagt. Deutschland gegen Spanien, das Endspiel um die Europameisterschaft. Für Fußballfans ein absolutes Muss. Die Wanderung wird deshalb nur fünfzehn Kilometer betragen, wir haben die Möglichkeit, anschließend frühzeitig in einem Gasthaus im reservierten Biergarten einzukehren, und selbst das Essen können wir anhand der bereits von Horst aus dem Internet ausgedruckten Speisekarte schon von unterwegs aus vorbestellen. Es ist alles geplant und vorbereitet. Präzise. Sogar das Wetter ist heute vom Feinsten. Strahlender Sonnenschein, bestes Sommerwetter, Hitze und Beständigkeit.
Mit einem Klingelgeräusch am Bahnsteig macht sich der ankommende Zug bemerkbar. Wir sind dreißig Leute mit Rucksäcken, die sich in den Wagen drängeln. Einer von uns sitzt bereits im Zug und wird begrüßt. Der Fahrkartenautomat, den es nur hier im Abteil gibt, scheint irgendwie damit überfordert zu sein, so viele gleiche Fahrkarten ausdrucken und so viel Kleingeld abzählen zu müssen.
Sind alle einunddreißig am Zielbahnhof ausgestiegen? Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Nein, der erste Busch hinterm Bahnhof ist noch nicht der Ausziehpunkt, trotz der Hitze. Wir wandern weiter den Berg rauf bis zum Waldrand. Dort freuen sich dann die Bremsen auf fette Beute. Ich frage Frank, ob er weiß, wie viel Prozent der geplanten Wanderstrecke in praller Sonne liegen werden, er überlegt ein wenig und meint dann, es könnten etwa vierzig Prozent sein, da einige Wege auch am Waldrand entlang führen werden. Auf Sonnenmilch verzichte ich heute und vertraue darauf, dass mich meine bereits vorgebräunte Haut vor Sonnenbrand schützen wird.
Auf dem Weg am Waldsaum entlang kommen wir an einer alten Bank vorbei. Ein kleines Holzschild mit dem handgeschriebenen Ortsnamen und einem darunter stehenden Text "Schöner Ausblick" verlockt uns dazu, dort ein Gruppenfoto zu erstellen. Dreißig Nackte und zwei Hunde platzieren sich um das Schild mit Blick auf die schöne Aussicht und der kleinen Ortschaft im Hintergrund, eine Nackte fotografiert die Szene. Müsste es da nicht eher "Schöner Einblick" heißen?
Wir wandern etwa drei Kilometer lang über etwa einhundertundfünfzig Höhenmeter stetig bergauf im Schatten der Bäume. Dieses Gebiet wurde vom Orkan Kyrill einigermaßen verschont, trotzdem stellen wir fest, dass es auch mitten im Wald winzig kleine Lichtungen gibt, wo ein Sturm vornehmlich die Fichtenbestände niedergemacht hat. Doch, je weiter wir die 400m Höhenlinie überschreiten, desto mehr solcher verwüsteter Freiflächen mit den entsprechenden Holzstapeln am Wegrand sind zu sehen. Die trockene Hitze auf trockenem Holz verströmt den typischen frisch-süßen Waldduft, denn viel Harz klebt an den Stämmen und später auch an unseren Händen und am Po, nachdem wir uns auf einem großen Holzstapel zur Mittagspause im Schatten unter einer uralten dicken Eiche niedergelassen haben.
Nur noch ein wenig geht es bergauf, dann erreichen wir einen sturmgeschädigten Gipfel mit unzähligen Baumruinen. Ein besonders breites Exemplar wird von Frank erklettert und oben posiert er als Statue. Als ich ihn fotografieren will, ist dummerweise meine Speicherkarte voll. Zwischen dem herumliegenden Totholz blüht als violette Farbtupfer ein Meer von hochgewachsenem Roten Fingerhut. Frischer Wind bläst über unsere nackten Körper und kühlt heiße Haut.
Ein wenig später führt unser Weg über ein Hochplateau mit weiter Sicht und einladenden Sitzgelegenheiten. Hier lassen wir uns auf Bänke und ins Gras fallen für eine weitere Pause. Eine Infotafel lockt uns anschließend auf einen kleinen Lehrpfad durch den Wald mit allerlei nachgebauten Merkwürdigkeiten aus vergangenen Zeiten.
Ein Weg, der im spitzen Winkel von der Hauptroute abknickt, führt uns über den Grat des Rothaargebirges. Ein kleiner Sandstein-Steinbruch lässt uns von oben auf einen Bagger blicken und wir rätseln, wie er ins Loch gekommen sein mag. Weiter geht der Weg über eine Schotterstraße auf der einige Radfahrer unterwegs sind. "Die Weite des Lebens suchen" steht auf einem eigens dafür erstellten Holzschild mit Minidach. Ausgerechnet hier ist der Blick ins Umland aber durch eine junge Fichtenschonung zugewachsen. Da müssen wir wohl woanders suchen.
Wenig später haben wir nach links eine tolle Aussicht über weites Umland mit Bergen im Hintergrund und mehrmals genießen wir einen großartigen Blick von einem Aussichtspunkt. Dort fallen mir auf einer Wiese einige etwa einen Meter hoch gewachsene gelb blühende Stauden auf. Ihre Blätter erinnern ein wenig an Sonnenblumen, die Blüten sind etwa fünf bis acht Zentimeter groß mit dickem gelben Fruchtknoten und vielen zerfransten goldgelben schmalen Blütenblättern. Möglicherweise ist es eine Wildform der Sonnenblume.
Hochspannungsmasten mit zwei mal zwei Leitungen queren unseren Weg. "Sie gehören der Bahn" sagt Stephan. Aber die dazugehörigen Gleise sind nicht zu sehen. Ein Hinweisschild erklärt, dass hier der längste Tunnel Nordrhein-Westfalens verläuft. Ein Bauwerk, das bereits beinahe einhundert Jahre alt ist.
Ein Grenzstein kündet, dass wir die Landesgrenze von Hessen nach Nordrhein-Westfalen queren. Ein kleiner Bach mit einem ausgemauerten Mini-Staubecken lädt mit seinem kristallklaren Wasser zu einer kleinen Erfrischung ein. Der erste aus der Gruppe setzt sich auf die Kante und lässt seine Füße im Wasser baumeln. Ich hocke mich an seinen Rand und schaufele mit den Händen eiskaltes Wasser über meinen Körper. Das tut echt gut. Der dritte nimmt gar ein Vollbad. Der Rest der Gruppe zeigt sich eher wasserscheu. Kein Wunder, denn das Wasser sieht mittlerweile aus wie eine durchwühlte Schlammpfütze.
Weit ist es eigentlich nicht mehr von hier bis zum Zielbahnhof. Wir liegen super in der Zeitplanung, unser Nachmittagessen im Biergarten ist längst telefonisch bestellt wir sind trotz Hitze recht zügig vorangekommen, so dass wir noch Zeit haben einen kleinen See zum Baden in einem nahe gelegenen Tal anzuvisieren. Alles läuft perfekt, zu perfekt finde ich, denn es ist wesentlich einfacher für mich, nach einer Wanderung über kleine Missgeschicke zu schreiben als über einen perfekten Tag.
Wir weichen vom vorgeplanten Hauptweg ab und gehen spontan einen kleinen Pfad für einen Extra-Rundweg hinab ins Tal. Er führt über zertrümmertes totes Holz und ich gehe sehr achtsam in meinen offenen Sandalen, um meine Zehen nicht zu zerschrammen. Irgendwann stehen wir am Waldrand mit Blick über eine riesige Wiese die ein Bauer gerade mäht. Der Duft von frischem Gras erinnert schon an Hochsommer. Der Weg führt weiter, doch dummerweise genau in die entgegen gesetzte Richtung. Ratlos stehen wir am Waldrand und studieren unsere Karten und suchen auf den zwei Navigationsgeräten nach einer Alternative, während der Bauer vor uns kreuz und quer über sein riesiges Feld fährt. Dann verschwindet er hinter einem Hügel und ward nicht mehr gesehen. Seltsam, er hat einen Streifen Gras mitten auf dem Feld stehen gelassen.
Die Zeit läuft uns nun doch ein wenig davon. Jetzt ist abzusehen, dass wir nicht pünktlich an der Gaststätte sein werden, daher rufen wir dort an, um unser vorbestelltes Essen ein wenig zu verschieben.
Rumstehen hilft auch nicht weiter, wir queren das Feld und finden einen neuen Pfad in die richtige Richtung. Dieser verliert sich allerdings mitten auf der Weide. Wir stehen in einer riesigen Wiese mit kniehohen Gräsern. Im Gänsemarsch, um nicht zu viel zu zertrampeln bahnen wir uns einen Pfad quer durch einen kleinen Hügel. Hier wächst eine Unmenge von Binsen. Die Navigeräte weisen uns darauf hin uns einfach rechts zu halten, doch das ist wohl eine Binsen-Weisheit, denn dort ist das Gestrüpp undurchdringlich. Der Pfad führt zu einem Hochsitz und endet dort. Und wieder stehen wir in der Pampa, streifen durch Gebüsch und queren einen Bach. Die Radspuren eines landwirtschaftlichen Fahrzeugs haben hier eine Spur in den Boden gegraben, der wir folgen. Endlich finden wir einen Weg, der allerdings ins nächste Dorf führt. Dort wollen wir nicht hin und beschließen, in entgegen gesetzte Richtung zu gehen, zurück den Berg rauf auf den Hauptweg, von dem wir abgezweigt sind.
Endlich, nach knapp zwei Stunden Irrlauf, haben wir den Hauptweg wieder erreicht. Allerdings nicht alle aus unserer Gruppe. Einige haben sich davongemacht, wohl getrieben von dem Versuch, irgendwie auf schnellstem Weg der "Wildnis" zu entkommen, und zu Hause zu sein, bevor das besagte Fußballspiel beginnt.
Vom Hauptweg aus führt ein direkter Weg ins Tal zur Gaststätte durch einen Fichtenwald. An einem umgestürzten Exemplar hängt mit rotem langen Band befestigt eine Grußpostkarte mit der Aufschrift: "Gib alles! Gewinn alles!" Weise Botschaften hängen hier im Wald herum! Wenig später entdecken wir den wohl dazugehörigen schlappen blau-bunt schimmernden Alu-Luftballon, der sich hier im Dickicht verfangen hat. Die Sonne steht jetzt schon etwas tiefer und orangefarbene Strahlen brechen sich an dunklen Fichtenstämmen und nackten Körpern.
Jetzt kündigen wir vorsichtshalber noch einmal telefonisch in der Gaststätte unser baldiges tatsächliches Erscheinen an. Bevor wir den Wald verlassen ziehen wir unsere Kleidung wieder an. Nur noch ein paar hundert Meter trennen uns vom kühlen Hefe-Weizen-Bier.
Ob die Gastwirtin sich nun über unser tatsächliches Erscheinen freut oder nicht kann ich wirklich nicht genau sagen. Jedenfalls hat sie uns zahlreicher erwartet. Ein alkoholfreies Hefe-Weizen hat sie leider nicht da, na gut, eine Apfelschorle tut es auch. Außerdem tut es gut, zu sitzen. Aus fünfzehn geplanten Kilometern sind etwa zwanzig geworden.
Die bestellte Salatplatte sieht gut und reichlich aus. Beim Essen überrascht uns die geschäftstüchtige Wirtin dann noch mit einem extra "Nachtisch" für alle: es gibt noch eine Salatplatte für jeden Tisch. Salat ist gesund für Wanderer und hält fit. Einen Kilometer Wanderung bis zum Auto am Bahnhof haben wir noch vor uns.
Gut, dass wir es heute nicht eilig haben. Wir lassen den rundherum gelungenen Tag gemütlich ausklingen. Ein herzliches Dankeschön an Horst und Frank, die das alles für uns ausgeheckt haben. Und Frank, ich glaube, die Grußpostkarte ist extra für dich vom Himmel gefallen…
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Gruß aus Köln
Anne